Forschungscampus ARENA2036

Stuttgart setzt Standard zur Automatisierung der Leitungssatzfertigung

Der Forschungscampus ARENA2036 hat mit der DIN 72036 einen Standard für die Produktion von Leitungssätzen (Kabelbäumen) geschaffen. Die Norm legt die Grundlage für eine automatisierte und wirtschaftliche Fertigung.

Teil des Kabelbaums eines Audi Q8 e-tron
Ein Teil des Kabelbaums eines Audi Q8 e-tron © ARENA2036 e.V.

Die Fertigungsautomatisierung von Leitungssätzen (Kabelbäumen) beginnt bereits in der Entwicklung. Genau hier setzt die DIN 72036 an, eine Industrie-Norm, die am Forschungscampus ARENA2036 verschiedene Partner aus unterschiedlichen Branchen erarbeitet haben. In der „Standardisierungsinitiative Leitungssatz“ (SILS) entwickeln Partner aus Wirtschaft, Industrie und Wissenschaft gemeinsam eine einheitliche Grundlage für die automatisierungsgerechte Gestaltung von Leitungssätzen.

Ausgangspunkt ist eine zentrale Herausforderung der Branche: Während viele Produktionsschritte in der Automobilindustrie bereits hochautomatisiert sind, ist die Fertigung von Leitungssätzen bis heute stark durch manuelle Prozesse geprägt. Automatisierung können Unternehmen aber nur dann wirtschaftlich umsetzen, wenn bereits in der Entwicklung die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden, da zentrale Designentscheidungen die spätere Verarbeitbarkeit maßgeblich bestimmen.

 „Die Norm war eine längst überfällige Voraussetzung für die künftige Herstellung von Leitungssätzen, gerade auch wenn wir aufgrund des Fachkräftemangels immer stärker auf Automatisierung angewiesen sind. Wir sind stolz darauf, dass wir trotz der unterschiedlichen Anforderungen unserer Partner die Norm kontinuierlich und zielgerichtet weiterentwickeln können“, erklärt Georg Schnauffer, stellvertretender Geschäftsführer des Forschungscampus ARENA2036. Momentan arbeiten die Partner an einer dritten Version der Norm.

Norm schafft gemeinsame Grundlage

Die DIN 72036 beschreibt Gestaltungsrichtlinien für Leitungssätze. Wenn Autobauer sich an diese Richtlinie halten, können sie in der Herstellung von Leitungssätzen mehr Arbeitsschritte automatisieren. Diese umfassen unterschiedliche Anwendungsbereiche moderner Fahrzeugarchitekturen – vom klassischen Niedervolt-Leitungssatz (für Beleuchtung oder Fensterheber) über Hochvolt-Anwendungen (für die Antriebe in Elektro- oder Hybridfahrzeugen) bis hin zu Hochfrequenz-Leitungen (für die Übertragung von Daten wie aus Kamera- oder Infotainmentssystemen). Die Norm schafft damit eine gemeinsame Grundlage für die Entwicklung und automatisierungsgerechte Auslegung von Leitungssätzen. Ziel ist es, Anforderungen an die Automatisierung (z. B. Abstände von Kabeln zueinander, Leitungsführung etc.) frühzeitig und auf Basis einheitlicher Gestaltungsprinzipien in der technischen Auslegung zu berücksichtigen, anstatt sie für jedes Projekt neu definieren zu müssen.

Durch die strukturierte Beschreibung der Gestaltungsrichtlinien in der DIN 72036 können Entwickler nachvollziehen, welche Auswirkungen einzelne Designentscheidungen – etwa zur Leitungsführung, zu Abständen oder zur Anordnung von Verzweigungspunkten – auf die spätere Verarbeitung haben. Durch die transparente Herleitung der Gestaltungsrichtlinien verstehen Entwickler deren Nutzen für die Automatisierung besser und berücksichtigen sie gezielt im Design. Das ist entscheidend, da die Wirksamkeit der Norm maßgeblich davon abhängt, dass ihre Inhalte bereits in der Entwicklung angewendet werden.

Ergänzend dazu können die verantwortlichen Ingenieurinnen und Ingenieure Gestaltungsrichtlinien digital und automatisiert überprüfen. Grundlage dafür sind etablierte Datenformate wie die Kabelbaumliste (KBL) und der Vehicle Electric Container (VEC), in denen die Struktur und Eigenschaften eines Leitungssatzes beschrieben sind. Dadurch lassen sich Gestaltungsregeln bereits im Entwicklungsprozess systematisch prüfen und frühzeitig Abweichungen erkennen.

Im Rahmen der SILS haben die beteiligten Partner eine Kennzahl entwickelt, die den Erfüllungsgrad der Gestaltungsrichtlinien für einen Leitungssatz zusammenfassend darstellt. Sie macht sichtbar, in welchem Umfang ein Design die Anforderungen der Norm berücksichtigt – auch dann, wenn einzelne Vorgaben aufgrund von Bauraum, Funktion oder fahrzeugspezifischen Randbedingungen nicht vollständig umgesetzt werden können. Entwickler können so Gestaltungsspielräume bewusster abwägen und Verbesserungspotenziale gezielt identifizieren.

Die SILS-Partner bringen die erarbeiteten Inhalte über den DIN-Arbeitskreis im Normenausschuss Automobiltechnik (NAAutomobil) in die formale Normung ein. So wurde im April 2026 die zweite Version der DIN 72036:2026-04 mit dem Titel „Straßenfahrzeuge - Automatisierung der Leitungssatzfertigung“ veröffentlicht.

Forschungscampus als Kollaborationsplattform

Mit der DIN 72036 steht der Branche heute ein Standard zur Verfügung, der die Grundlage für eine effizientere, stärker automatisierte und langfristig wettbewerbsfähige Leitungssatzfertigung schafft. Gleichzeitig zeigt die Initiative, wie aus der Zusammenarbeit am Forschungscampus konkrete industrielle Lösungen entstehen. Die SILS konnte entstehen, weil die Struktur des Forschungscampus ARENA2036 zwei wesentliche Voraussetzungen geschaffen hat: Zum einen agiert der Forschungscampus als neutrale Kollaborationsplattform, auf der die Partner gleichberechtigt zusammenarbeiten können. Die damit verbundenen vorhandenen rechtlichen Rahmenbedingungen sind relevante Enabler für die kooperative Zusammenarbeit. Zum anderen verfügen die Forschungskoordinatoren im Forschungscampus ARENA 2036 über eine umfangreiche Expertise – sowohl fachlich als auch im Bereich der Projektkoordination. Dies war die Basis, um eine solche komplexe Kooperation über die gesamte Wertschöpfungskette des Leitungssatzes zielgerichtet zu planen, aufzusetzen und operativ durchzuführen.

So stellt die Förderung des Forschungscampus durch das BMFTR, die den Aufbau der grundlegenden Strukturen ermöglich hat, die Basis dar, um Anforderungen nach Bottom up in eine gemeinsame Forschungsagenda zu integrieren. Dies ist elementar, denn der Impuls für die Initiierung der SILS ging von einem einzelnen Mitglied aus und zeigt die Chancen, die ein Forschungscampus bietet, und Formate wie die SILS erst möglich macht.